Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist. (Gustav Meyrink)

Gustav Meyrink

Lieber ein Sprengmittel
sein als ein Klebstoff*

Im Mit­tel­punkt des »Unsicht­ba­ren Romans« steht ein Schrift­stel­ler: Gus­tav Meyrink. Er war ein­mal – vor ziem­lich genau 100 Jah­ren – sehr berühmt, als Sati­ri­ker und Roman­cier. Wenn, dann kennt man von ihm heu­te viel­leicht noch »Der Golem« (1915), eine atmo­sphä­risch dich­te, auf meh­re­ren Ebe­nen erzähl­te Geschich­te aus dem Juden­ghet­to von Prag.

Gustav Meyrink
Gus­tav Meyrink (Foto: Wiki­pe­dia)

Der Sati­ri­ker Meyrink schrieb sei­ne ers­te Novel­le kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de für den in Mün­chen von Albert Lan­gen her­aus­ge­ge­be­nen Sim­pli­cis­si­mus. »Der hei­ße Sol­dat« , so der Titel des Stücks, mach­te Meyrink auf einen Schlag bekannt. Er wur­de sofort zu einem »writer’s wri­ter«, wie man in eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern sagt, zu einem, den auch und beson­ders Schrift­stel­ler schät­zen. Man bewun­der­te vor allem sei­ne Ein­fäl­le, das Bizar­re und Fabel­haf­te die­ser Geschich­ten. Erich Müh­sam, der Münch­ner Dich­ter, Bohe­mi­en und Revo­lu­tio­när erin­nert sich:

Meyrinks Geschich­ten im »Sim­pli­cis­si­mus«, geheim­nis­voll, gro­tesk, gespens­tisch, bos­haft, wit­zig und fun­kelnd, reg­ten zu jener Zeit die Phan­ta­sie der geis­tig beweg­ten Jugend mächtg an. Man stürz­te sich auf jede neue Num­mer des Münch­ner Blat­tes, und stand eine neu­er Meyrink drin, so war für etli­che Aben­de Dis­kus­si­onstoff vor­han­den.

Erich Müh­sam, Namen und Men­schen. Unpo­li­ti­sche Erin­ne­run­gen (Leip­zig, 1949), S. 100

Ande­re tei­len die­se Ansicht. Max Brod hielt Meyrinks frü­he Tex­te für das »Non­plus­ul­tra aller moder­nen Dich­tung«, Karl Wolfs­kehl schrieb:

Wor­te, Wen­dun­gen, Ver­glei­che aus Meyrinks Sim­pli­cis­si­mus­bei­trä­gen [waren] gera­de­zu in aller Mun­de und Gedächt­nis. Jeder »neue Meyrink« war ein erwar­te­tes Ereig­nis.

zitiert nach Hel­ga Abret, »Lie­ber ein Spreng­mit­tel sein als ein Kleb­stoff« Gus­tav Meyrinks Des deut­schen Spie­ßers Wun­der­horn (1913), in: Der lite­ra­ri­sche Zaun­kö­nig 3/2011

Meyrink pfleg­te sei­ne geheim­nis­vol­le Aura und dürf­te sich an den vie­len Geschich­ten, die man über ihn erzähl­te, erfreut haben. Bevor er die Schrift­stel­le­rei zum Beruf mach­te, war er Ban­kier in Prag gewe­sen. Sein Geschäft ging plei­te, er ver­such­te sich als Ver­käu­fer von Autos und Gas­glüh­strümp­fen. Unter dem Ver­dacht des Anla­ge­be­trugs ver­brach­te er ein paar Mona­te im Gefäng­nis, wur­de jedoch voll­stän­dig reha­bi­li­tiert. Schon früh inter­es­sier­te er sich für die Theo­rie und Pra­xis der »Okkul­ten Wis­sen­schaf­ten« – Astro­lo­gie, Alche­mie, Rosen­kreu­ze­rei, Frei­mau­re­rei, Tele­pa­thie und Tele­ki­ne­se, Hell­se­he­rei, Magne­tis­mus usw. usf. Beim Stu­di­um indi­scher Weis­heit ent­deck­te er aller­dings auch die Kunst des Yoga. Und wäh­rend er all die obsku­ren Heils- und Wun­der­leh­ren frü­her oder spä­ter mehr oder min­der ver­warf, prak­ti­zier­te er sehr ernst­haft Yoga bis zu sei­nem Tod.

Keine Lust zu arbeiten…

Gus­tav Meyrink wur­de 1868 in Wien gebo­ren, als unehe­li­ches Kind einer baye­ri­schen Hof­schau­spie­le­rin und eines würt­tem­ber­gi­schen Frei­herrn. Er wuchs in Mün­chen und in Ham­burg auf, spä­ter in Prag – wohin immer die Enga­ge­ments der Mut­ter (mit der er sich übri­gens nicht ver­stand) führ­ten. Bei Voll­jäh­rig­keit wur­de ihm eine grö­ße­re Geld­sum­me aus­ge­zahlt, die sein Vater für ihn ange­legt hat­te. Doch ver­spür­te er wenig Lust zu arbei­ten und grün­de­te mit einem Kom­pa­gnon das Bank­haus »Mey­er & Mor­gen­stern«, um sein Ver­mö­gen für sich arbei­ten zu las­sen. Lie­ber styl­te er sich als Dan­dy, frön­te teu­ren Hob­bies (Rei­ten, Kar­ten­spiel) und wid­me­te sich dem Ruder­sport. Zwi­schen­drin leg­te er sich mit dem Pra­ger Offi­ziers­korps an, durf­te sich aber nicht duel­lie­ren, weil ihn die Her­ren Offi­zie­re sei­ner unehe­li­chen Abkunft wegen als nicht satis­fak­ti­ons­fä­hig ein­stuf­ten. Die – vor­wie­gend auf Bör­sen­spe­ku­la­ti­on aus­ge­rich­te­ten – Bank­ge­schäf­te lie­fen auch nicht gut. Meyrink wur­de von einer Kli­en­tin wegen sei­nes Geschäfts­ge­ba­rens ver­klagt; es hieß, er bezeich­ne sich in Ver­kaufs­ge­sprä­chen als ille­gi­ti­mer Sohn des baye­ri­schen Königs Lud­wig II.

Dass er dar­auf­hin in Unter­su­chungs­haft genom­men wur­de, schrieb er dem Wir­ken des dama­li­gen Pra­ger Poli­zei­chefs zu, einer Ver­schwö­rung, in die auch die Offi­zie­re ver­wi­ckelt gewe­sen sei­en. Dem Poli­zei­chef setz­te er im Golem ein blei­ben­des Denk­mal.

… aber zu schreiben

Zum Schrei­ben kam er nach eige­nen Berich­ten über einen Schrift­stel­ler, den er in einem Dresd­ner Sana­to­ri­um traf. Meyrink muss wohl ein guter Erzäh­ler gewe­sen sein, einer, der sei­ne Zuhö­rer zu fes­seln ver­moch­te. Der eta­blier­te Schrift­stel­ler dräng­te ihn, die­se Geschich­ten auf­zu­schrei­ben. Meyrink zier­te sich anfangs, pro­bier­te es dann. Der geschei­ter­te Ban­kier sah dar­in wohl auch eine Ver­dienst­mög­lich­keit und setz­te sich an den Schreib­tisch. Sei­ne ers­te Ein­sen­dung an den Sim­pli­cis­si­mus, eine Novel­le mit dem Titel »Der hei­ße Sol­dat«, wur­de sofort ange­nom­men. Er avan­cier­te zum stän­di­gen Mit­ar­bei­ter.

Das ist die eine Ver­si­on. Meyrink hat noch eine ande­re Ver­si­on, die ich im Unsicht­ba­ren Roman auf­grei­fe. Sei­ne eige­ne Bio­gra­phie war ihm auch nicht viel mehr als eine Geschich­te, die so oder so erzählt wer­den kann – und wird.

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Lie­ber ein Spreng­mit­tel sein als ein Kleb­stoff – die­ses Fak­si­mi­le ist abge­bil­det in Hans Rei­manns Lebens­er­in­ne­run­gen (Mein blau­es Wun­der, Mün­chen, 1959). Rei­mann besuch­te Meyrink meh­re­re Male in Starn­berg.