Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist. (Gustav Meyrink)

Vergessener Krieg? Nicht in Großbritannien.

Jack Shel­dons Buch über die deut­sche Armee bei Arras

Schon früh in der Recher­che zum »Spie­gel­kas­ten« fiel mir auf, dass deutsch(sprachig)e Sach­bü­cher über den Ers­ten Welt­krieg häu­fig ent­we­der hoch­aka­de­misch oder uralt sind – meist aus den 1920er und 30er Jah­ren stam­men und aus der oft glo­ri­fi­zie­ren­den Per­spek­ti­ve der Vete­ra­nen­ver­bän­de geschrie­ben sind.
In eng­li­scher Spra­che dage­gen gibt es eine Fül­le an moder­ner und popu­lä­rer Sach-Lite­ra­tur über den »Gre­at War«, die man in jeder Bahn­hofs­buch­hand­lung erwer­ben kann. In dem auf Mili­tär­his­to­rie spe­zia­li­sier­ten Pen & Sword-Ver­lag publi­ziert auch der ehe­ma­li­ge bri­ti­sche Berufs­sol­dat Jack Shel­don (Web­sei­te), ein aner­kann­ter Exper­te für die deut­sche Armee im Ers­ten Welt­krieg. Ich frag­te ihn nach der bri­ti­schen Sicht auf den »Gro­ßen Krieg«.

(Eng­lish ver­si­on below/Die eng­li­sche Fas­sung des Inter­views
fin­den Sie wei­ter unten auf die­ser Sei­te.)

 

Gespräch mit dem Militärhistoriker Jack Sheldon

Glau­ben Sie, dass der Ers­te Welt­krieg in Deutsch­land in gewis­ser Wei­se ver­ges­sen ist, oder über­schat­tet durch ande­re Ereig­nis­se?

Soweit es die mili­tä­ri­schen Aspek­te betrifft, ist das sicher über die ver­gan­ge­nen 70 Jah­re so gewe­sen. In letz­ter Zeit meh­ren sich aber die Zei­chen dafür, dass eini­ge For­scher sich die deut­sche Mili­tär­ge­schich­te die­ser Zeit wie­der vor­neh­men wol­len. Ich den­ke ins­be­son­de­re an Dr. Alex Fes­se, des­sen Dis­ser­ta­ti­on »Im Zei­chen des Tank­dra­chens« eine aus­ge­zeich­ne­te Unter­su­chung der frü­hen deut­schen Pan­zer­ab­wehr-Maß­nah­men dar­stellt, oder an Dr. Chris­ti­an Sta­chel­beck vom Mili­tär­ge­schicht­li­chen For­schungs­amt in Pots­dam, des­sen Buch »Mili­tä­ri­sche Effek­ti­vi­tät im Ers­ten Welt­krieg« die gan­ze, rei­che Fül­le man­cher Archiv­be­stän­de in Deutsch­land bezeugt.

Und aus wel­chem Grund?

Ich nei­ge dazu, dies auf die ver­ständ­li­chen Schwie­rig­kei­ten zurück­füh­ren, die vie­le Deut­sche immer noch damit haben, ihre Geschich­te zu bewäl­ti­gen: wel­che natür­lich einen stark aus­ge­präg­ten mili­tä­ri­schen Aspekt hat. Man­che mögen wohl nach wie vor wün­schen, 1945 sei wirk­lich die »Stun­de Null« gewe­sen, aber das war sie nicht. Es scheint, dass auch im heu­ti­gen Deutsch­land alles, was irgend­wie mit der Nazi-Zeit in Ver­bin­dung steht, auf alle Zei­ten mit einem Makel ver­se­hen ist. Und das beinhal­tet unver­meid­lich alle frü­he­ren Ange­hö­ri­gen der alten deut­schen Armee, die gemein­sa­me Sache mit Hit­ler mach­ten. Des­halb ist alles ver­däch­tig, was mit den Arme­en zu tun hat, die 1914 bis 18 für die Mit­tel­mäch­te kämpf­ten. Ich wür­de es begrü­ßen, wenn die kom­men­den Jahr­zehn­te hier eine Ver­än­de­rung bräch­ten.

Wel­che Hal­tung neh­men die Bri­ten zum Ers­ten Welt­krieg ein?

Die Bri­ten betrach­ten den Ers­ten Welt­krieg durch die Lin­se ihrer erlit­te­nen Ver­lus­te. Etwa 750,000 Män­ner wur­den getö­tet und noch viel mehr ver­stüm­melt, vor­nehm­lich an der West­front. Das war völ­lig neu für eine Nati­on, die kei­ne all­ge­mei­ne Wehr­pflicht gekannt hat­te und deren Macht und Sicher­heits­be­dürf­nis auf die Vor­herr­schaft über die Welt­ozea­ne durch die König­li­che Mari­ne gegrün­det war (wodurch sich natür­lich erklärt, war­um der Tir­pitz-Plan als direk­te und inak­zep­ta­ble Her­aus­for­de­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs gese­hen wur­de [Tir­pitz-Plan: die mas­si­ve Auf­rüs­tung der deut­schen Kriegs­ma­ri­ne, Anm. CP]). Folg­lich wird die­ser Krieg nach wie vor als die größ­te Tra­gö­die der bri­ti­schen Nati­on ange­se­hen.

Ist das der Grund, war­um die Bri­ten den Ers­ten Welt­krieg den »Gro­ßen Krieg« nen­nen?

Nach dem Krieg such­ten die Bri­ten nach einer Recht­fer­ti­gung für die rie­si­gen Opfer­zah­len. For­mu­lie­run­gen wie »der Krieg, der die Welt für die Demo­kra­tie sicher macht« oder »der Krieg, um mit allen Krie­gen Schluss zu machen« kur­sier­ten, bis sich schließ­lich »Der gro­ße Krieg für die Zivi­li­sa­ti­on« durch­setz­te. In die­sen Krieg waren Mas­sen von Men­schen ver­wi­ckelt. Jede Fami­lie im Land war auf die eine oder ande­re Wei­se betrof­fen, und des­we­gen besu­chen noch immer enorm vie­le die Schlacht­fel­der in Frank­reich und Bel­gi­en, vor allem, um zu sehen, wo ihre Vor­fah­ren kämpf­ten und star­ben. Bis heu­te erfah­ren die Kin­der in der Schu­le dar­über und machen Exkur­sio­nen zu die­sen his­to­ri­schen Stät­ten. So besu­chen mehr als 250,000 Men­schen pro Jahr das Ver­miss­ten­denk­mal der Som­me-Schlach­ten bei Thiep­val und tau­sen­de fin­den sich übers Jahr zu dem Salut ein, der jeden Abend am Menin-Tor in Ypern (Bel­gi­en) erklingt.

Was fas­zi­niert Sie per­sön­lich am Ers­ten Welt­krieg?

Ich war mein gesam­tes Arbeits­le­ben lang Berufs­sol­dat und Infan­te­rist. Das Inter­es­se am Ers­ten Welt­krieg wur­de geweckt, als ich die Geschich­te mei­nes Regi­ments erforsch­te. Besu­che der West­front vor über 30 Jah­ren ver­stärk­ten mein Inter­es­sen an den Leis­tun­gen der alten Deut­schen Armee, weil ich mehr wis­sen woll­te über die Män­ner, die so oft mei­nen Vor­gän­gern auf dem Schlacht­feld zuge­setzt hat­ten – in Mons und Le Cateau, an der Ais­ne, im Ypern-Bogen, um Arras und an der Som­me. Über die Jah­re fand ich vie­le der Ant­wor­ten in den Archi­ven von Mün­chen, Frei­burg und Stutt­gart und in den Geschichts­bü­chern aus der Zwi­schen­kriegs­zeit. Die­se bil­den die Grund­la­ge mei­ner Arbeit, mit der ich ver­su­che, die Krieg­füh­rung der alten deut­schen Armee dem eng­lisch­spra­chi­gen Publi­kum näher­zu­brin­gen.

Was hal­ten Sie von dem Europeana-Pro­jekt?

Alles, was die Schat­ten des Ers­ten Welt­kriegs etwas aus­leuch­tet, ist mir will­kom­men, aber ich hof­fe doch, dass es sich nicht aus­schließ­lich auf die sozia­len und kul­tu­rel­len Umstän­de die­ser Epo­che beschränkt. Die mili­tä­ri­sche Geschich­te ist min­des­tens so wich­tig, wenn nicht wich­ti­ger. Einer der wich­tigs­ten Nut­zen, den es brin­gen könn­te, wäre es, alle deut­schen Regi­ments- und Divi­si­ons­ge­schich­ten sowie ande­res geschicht­lich Rele­van­tes aus der Zwi­schen­kriegs­zeit online ver­füg­bar zu machen. Man soll­te auch über­le­gen, zumin­dest eini­ge aus­ge­wähl­te Objek­te aus den ver­blie­be­nen Archi­ven zu digi­ta­li­sie­ren. Das wür­de die Arbeit von For­schern erleich­tern und in der Öffent­lich­keit die Wahr­neh­mung der Fähig­kei­ten und Leis­tun­gen ihrer Vor­fah­ren auf dem Schlacht­feld zu erhö­hen. Man soll­te sich nicht schä­men, ihre rein sol­da­ti­schen Tugen­den anzu­er­ken­nen, wel­che eine his­to­ri­sche Tat­sa­che sind.

 

Interview with Jack Sheldon

Q. Do you think that, in Ger­ma­ny, WWI is somehow for­got­ten or overs­ha­do­wed by WW2?

A. As far as its mili­ta­ry aspec­ts are con­cer­ned, it has cer­tain­ly been neglec­ted during the past seven­ty years. Recent­ly, howe­ver, the­re have been wel­co­me signs that some scho­l­ars are pre­pa­red to re-exami­ne the Ger­man mili­ta­ry histo­ry of the peri­od. Here I am thin­king in par­ti­cu­lar of Dr. Alex Fas­se, who­se doc­to­ral the­sis »Im Zei­chen des Tank­dra­chens« is a superb exami­na­ti­on of ear­ly Ger­man anti-tank defence mea­su­res and also of Dr. Chris­ti­an Sta­chel­beck of the Mili­tär­ge­schicht­li­ches For­schungs­amts, Pots­dam, who­se book »Mili­tä­ri­sche Effek­ti­vi­tät im Ers­ten Welt­krieg« is a demons­tra­ti­on of the rich­ness of some of the archi­val hol­dings in Ger­ma­ny.

Q. What is the rea­son?

A. I am bound to say that I think that this is con­nec­ted with the under­stand­a­ble dif­fi­cul­ties many Ger­man peop­le have in com­ing to terms with their past: which of cour­se inclu­des a lar­ge mili­ta­ry ele­ment. Whilst the­re may be a con­ti­nuing desi­re amongst some to wish that 1945 real­ly was the »Stun­de Null« of Ger­man histo­ry, it was not. It seems that, in modern Ger­ma­ny, anything con­nec­ted with the Nazi era and, ine­vi­ta­b­ly, this inclu­des all for­mer mem­bers of the old Ger­man army who threw in their lot with Hit­ler, is tain­ted for all time. By exten­si­on, the­re­fo­re, ever­ything asso­cia­ted with the armies who fought for the Cen­tral Powers from 1914 – 1918 is suspect. I should like to think that the approa­ching cen­ten­aries might lead to a chan­ge of heart.

Q. Does the situa­ti­on in the United King­dom dif­fer from that in Ger­ma­ny?

A. The Bri­tish view the First World War through the prism of the casu­al­ties they suf­fe­red. About 750,000 men were kil­led and many more mai­med – pri­ma­ri­ly on the Wes­tern Front. This was utter­ly unpre­ce­den­ted for a nati­on which had never known con­scrip­ti­on and who­se power and sen­se of secu­ri­ty was bound up in domi­na­ti­on of the world’s oce­ans by the Roy­al Navy (which, of cour­se, exp­lains why the Tir­pitz Plan was seen as direct and an unac­cep­ta­ble chal­len­ge to the United King­dom). As a result, this war con­ti­nues to be seen as the grea­test tra­ge­dy in its histo­ry.

Q. Is this why the Bri­tish call it »The Gre­at War«?

A. Post war the Bri­tish sear­ched to seek a jus­ti­fi­ca­ti­on for the sca­le of human sacri­fice invol­ved. Phra­ses such as, a ‘war to make the world safe for demo­cra­cy’ or the ‘war to end all wars’ gai­ned cur­ren­cy and it was even­tual­ly seen as ‘The Gre­at War for Civi­li­sa­ti­on’. This was a war of mass par­ti­ci­pa­ti­on. Every fami­ly in the land was touched in some way by it and, as a result, enor­mous num­bers con­ti­nue to visit the battle­fields of Bel­gi­um and Fran­ce in par­ti­cu­lar to see whe­re their ances­tors fought and died. To this day school child­ren are taught about the war and are taken to visit the his­to­ric sites. As a result the­re are more than 250,000 visi­tors per annum to the Memo­ri­al to the Mis­sing of the Som­me at Thiep­val and count­less thousands each year attend the dai­ly cere­mo­ny of soun­d­ing the Last Post at the Menin Gate in Ypres.

Q. What is your per­so­nal fasci­na­ti­on with WW1?

A. I was a pro­fes­sio­nal sol­dier and infan­try­man throughout my working life and beca­me inte­rested in it as a result of stu­dy­ing the histo­ry of my regi­ment. Visits to the Wes­tern Front over thir­ty years ago fired my inte­rest in the exploits of the old Ger­man army, becau­se I wan­ted to know more about the men who had so often mau­led my pre­de­ces­sors on the battle­field – at Mons and Le Cateau, on the Ais­ne, in the Ypres sali­ent, around Arras and on the Som­me. Over the years I have found many of the ans­wers in the archi­ves at Munich, Frei­burg and Stutt­gart and in the his­to­ries published bet­ween the wars. The­se form the basis of my work as I seek to por­tray the actions of the old Ger­man army to the Anglo­pho­ne audi­ence of today.

Q. What do you think about the Europeana Pro­ject, that has recent­ly been laun­ched also in Ger­ma­ny?

A. I wel­co­me anything which will cast more light into the shadows of the First World War, but I do hope that it does not con­cen­tra­te exclu­si­ve­ly on the soci­al and cul­tu­ral aspec­ts of the peri­od. The mili­ta­ry histo­ry of the war is equal­ly important, if not more so. One of the most use­ful ser­vices it could deli­ver would be to place online, all the Ger­man regi­men­tal, divi­sio­nal and other his­to­ries published bet­ween the wars and also give con­si­de­ra­ti­on to the digi­ti­sa­ti­on of at least selec­ted items from the sur­vi­ving archi­ves. This would make the work of rese­arch scho­l­ars easier and increa­se public awa­reness of the skills and battle­field per­for­mance of their ances­tors. The­re should be no shame in reco­gnis­ing their pure­ly sol­dier­ly vir­tu­es, which are a mat­ter of his­to­ri­cal fact.