Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist. (Gustav Meyrink)

Interview zu »Kind ohne Namen«

Wor­um geht es in Ihrem neu­en Roman Kind ohne Namen im Kern?

Es geht um gute Absich­ten, die Ver­stri­ckung in unkla­re Gefüh­le, um Ver­füh­rung, um das Fremd­sein und um das Mani­pu­lie­ren von Men­schen. Und auch um etwas Magie; aber das liegt im Auge des Betrach­ters bzw. des Lesers.

Was hat Sie dazu inspi­riert?

Hier­zu bie­te ich fol­gen­de Geschich­te an: Ich bin im Sti­pen­di­um in der Vil­la Con­cordia in Bam­berg. Mau­er­seg­ler erscheint bald. Ich will einen neu­en Roman schrei­ben. Meh­re­re Stof­f­ide­en kon­kur­rie­ren. In der klei­nen Hand­bi­blio­thek, die ich mit­ge­nom­men habe, befin­det sich ein altes Reclam-Heft: Die schwar­ze Spin­ne von Jere­mi­as Gott­helf. Auf dem Titel steht, in blau­em Kugel­schrei­ber: Chris­toph Poschen­rie­der 9E.

Fer­ne, halb­ver­ges­se­ne Schul­lek­tü­re. Eine gräss­li­che Geschich­te. Bau­ern, Spin­nen, Teu­fels­pakt, Fröm­mig­keit. Ich blät­te­re und lese:

»Alle­mal, wenn ich die­ses Holz betrach­te«, begann der ehr­wür­di­ge Alte, »so muss ich mich ver­wun­dern, wie das wohl zuging, daß aus dem fer­nen Mor­gen­lan­de (…) Men­schen bis hier­her kamen (…), und muß den­ken, was die, wel­che bis hier­her ver­schla­gen oder gedrängt wur­den, alles aus­ge­stan­den haben wer­den und wer sie wohl mögen gewe­sen sein.«

Das war im Spätsommer/Herbst 2015; wir wis­sen alle, was da an den Gren­zen zu Euro­pa los war. Mir hat die­ses Zitat zu den­ken gege­ben: Die Alt­ein­ge­ses­se­nen, die Neu­en, wie arran­gie­ren sie sich? Und was heißt schon »alt­ein­ge­ses­sen«: die Men­schen sind schon immer unter­wegs (aber nicht immer frei­wil­lig). Dann habe ich ein Dorf in der Nähe von Bam­berg gesucht, das der Spiel­ort in mei­ner Vor­stel­lung sein konn­te, und – glück­li­cher Zufall – dort gibt es eine Höh­le, um die her­um sich in der Stein­zeit Dra­men zwi­schen Alt­ein­ge­ses­se­nen und Neu­an­kömm­lin­gen abge­spielt haben. Sagt man.

Wer ist das »Kind ohne Namen«, das dem Roman den Titel gibt, und was hat es damit auf sich?

Ich mag die­sen Titel sehr, mei­ne Lek­to­rin hat ihn gefun­den. Ohne zu viel zu ver­ra­ten: Xenia, die Haupt­fi­gur im Roman, ist schwan­ger. Die­ses Kind wird, noch bevor es gebo­ren ist, zu einem Faust­pfand in einem undurch­sich­ti­gen Deal zwi­schen Xeni­as Mut­ter und dem Mann, der im Roman der »Burg­herr« genannt wird. Und bevor die­se Ver­wick­lun­gen von Xenia end­gül­tig – und mit doch eher unge­wöhn­li­chen Mit­teln – geklärt sind, kann das Kind kei­nen Namen bekom­men …

Sie schrei­ben hier zum ers­ten Mal aus der Per­spek­ti­ve einer Frau. Wie sind Sie dabei vor­ge­gan­gen?

Nicht viel anders als bei mei­nen ande­ren Büchern. Nach­dem ich nie über mich selbst schrei­be, muss ich mei­ne Vor­stel­lungs­kraft benüt­zen. Das macht die Sache für mich inter­es­sant, die­se ande­ren Blick­win­kel auf die Welt: Da hat­te ich einen pes­si­mis­ti­schen Phi­lo­so­phen des 19. Jahr­hun­derts (Die Welt ist im Kopf), einen jüdi­schen Offi­zier im Ers­ten Welt­krieg (Der Spie­gel­kas­ten), einen schwu­len Kunst­his­to­ri­ker etwa um die­sel­be Zeit (Das Sand­korn), und zuletzt, im Mau­er­seg­ler, fünf alte Män­ner. Der Schritt über die »Geschlech­ter­gren­ze« schien mir zuerst gewagt, aber dann stell­te es sich nicht als schwie­ri­ger als sonst her­aus. Viel­leicht liegt das dar­an, dass ich mit zwei Schwes­tern auf­ge­wach­sen bin. Jeden­falls wur­de die­ser Roman von Test­le­se­rin­nen geprüft und für »authen­tisch« befun­den. Viel­leicht haben Zuhörer/innen bei mei­nen Lesun­gen damit mehr Pro­ble­me, wenn sie das weib­li­che Ich einer­seits hören und den männ­li­chen Vor­le­ser ande­rer­seits sehen?

Ein »Burg­herr« bestimmt die Geschi­cke des Dorfs. Was kön­nen Sie zu die­ser schil­lern­den Figur sagen?

Es gab in Deutsch­land einen Mann, der sich in der Nähe von Nürn­berg ein Schloss kauf­te und eine para­mi­li­tä­ri­sche Orga­ni­sa­ti­on auf­bau­te, die er »Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann« nann­te. Karl-Heinz Hoff­mann war der Anfüh­rer, sei­ne Leu­te lie­fen in alten Uni­for­men durch die Wäl­der, spiel­ten Krieg und hor­te­ten heim­lich Waf­fen und Muni­ti­on. Man könn­te drü­ber lachen, wenn sie nicht alle wild ent­schlos­se­ne Neo­na­zis gewe­sen wären. 1980 wur­de die »Wehr­sport­grup­pe« als ver­fas­sungs­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on ver­bo­ten, und Hoff­mann bald dar­auf zu einer Gefäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt.

Mein »Burg­herr« ist nicht nur der Anfüh­rer sei­ner eige­nen Tarn­fleck-Trup­pe, son­dern auch ein Ver­füh­rer. Er spielt mit den Leu­ten, die, wie über­all, weder beson­ders gut noch beson­ders böse sind. Er eröff­net ihnen Mög­lich­kei­ten – aber bei ihm gibt es nichts umsonst.

Das Interview mit Christoph Poschenrieder führte Silvia Zanovello. © Diogenes Verlag, Juli 2017.