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Der Vogel Wupp oder: Kannst du nicht stehen, so fliege

Der Mauersegler

Mauersegler (Foto: Pawel Kuzniar, Wiki Commons)

Immer und immer mußte ich denken: »Was ist das bloß für ein Geräusch, das ich nicht höre?« Verdrießlich steckte ich mir eine Zigarre an und sah dem Rauche nach, der sich aus der Luftklappe herausschlängelte, bis er da verschwand, wo die achtzehn Telephondrähte den blauen Himmel überschnitten. Und dann mußte ich lachen, daß ich nicht daran gedacht hatte, daß es der erste August war, denn da oben am blauen Himmel war das nicht da, was ich dort gewöhnt war: der Vogel Wupp war fort. Den Tag vorher war er noch dagewesen. (Hermann Löns, Der zweckmäßige Meyer, Kapitel 13: Der Vogel Wupp)
Der titelgebende Mauersegler ist einer der wenigen Vögel, die ich in freier Wildbahn erkenne. Ich mag ihn, denn er ist der Sommeranfang -- leider auch das Sommerende. Ein Sommermorgen ist warme Luft, Sonne im Dunst, weit offene Fenster und die Jagdschreie der Mauersegler am Himmel. Er ist kein übermäßig sympathischer Vogel. Ein Rohling, der sich sein Nest auch mal auf Kosten anderer Vögel bereitet. "Tiervater Brehm", tadelnd: Der Mauersegler ist ein herrschsüchtiger, zänkischer, stürmischer und übermütger Gesell, der streng genommen mit keinem Geschöpfe, nicht einmal mit seinesgleichen in Frieden lebt und unter Umständen andern Tieren ohne Grund beschwerlich fällt. Löns findet ihn auch nicht schön, "denn er sieht so schwarz aus, mit einem matten Schimmer, wie eine Browningpistole." Apus apus, der zoologische Name des Mauerseglers, bedeutet "ohne Füße".[1] Wozu auch: diese Vögel sind neun Monate im Jahr in der Luft, und die Krallen brauchen sie nur, um in der Bruthöhle herumzukriechen oder um sich an Mauern oder Felswänden zu verhaken[2]. Was für ein Aufwand: aus Afrika südlich des Äquators fliegen sie nach München, Oslo, Bamberg oder Moskau. Sie fressen, haben Sex, ziehen die Jungen auf, und fliegen wieder zurück. Da unten sind dann alle Höhlen und Ruheplätze schon besetzt, also steigen die Mauersegler abends in die Höhen auf und kreisen und schlafen bei spärlichem Flügelschlag.[3] Die Natur verblüfft mich immer wieder. Wer könnte so etwas erfinden? Welchen Sinn hat der Mauersegler?

Wie der Vogel in dem Roman gekommen ist

Wenn ich es so genau wüsste... ein bisschen wie der Sand ins Sandkorn und der Spiegelkasten in den Spiegelkasten. Da gibt es Dinge, die mich faszinieren und endlos Fragen stellen lassen. Die schaffen es irgendwie ins Räderwerk eines entstehenden Romans, erst knirschend, aber später frage ich mich, wie es ohne überhaupt hätte funktionieren können. Oder ob. Vermutlich ist es die von aller Erdgebundenheit befreite Souveränität, das bizarre So-und-nicht-Anders-Sein des Mauerseglers, das mich beeindruckt. Tja, an Vögel binden wir Schriftsteller so viel Symbolschwere, dass es ein Wunder ist, dass sie noch fliegen. Carl, der Erzähler im Mauersegler, mag diese Vögel: Ich notiere den Tag im Kalender, wenn ich den ersten sehe, und ich notiere den Tag, an dem ich sie nicht mehr über den Dächern schreien höre. Wenn sie weg sind, fehlen sie mir. Es ist noch vieles unerforscht beim Mauersegler. Wie er stirbt zum Beispiel (jedenfalls habe ich dazu nichts gefunden). Alt kann er wohl werden, an die zehn Jahre und mehr, aber dann? Carl: Mir gefällt die Vorstellung, dass sterbende Mauersegler einfach die Flügel falten und zu Boden stürzen. (...) Der Mauersegler legt die Flügel an und will nicht mehr fliegen. So soll es auch mit mir zu Ende gehen. So kam der Mauersegler in einen Roman über Freundschaft, Altwerden und Sterben. Und warum "Vogel Wupp"? Wupp ist er da, und wupp ist er fort. Eben ist er oben über dem Kirchturm, gleich darauf wer weiß wo, schreibt Löns.  

Anmerkungen    (↵ returns to text)
  1. Caius Plinius Secundus (Plinius der Ältere, 23–79 n. Chr.) berichtet anschaulich in seiner „Naturgeschichte des Menschen und der Thiere“ über die Apodes und Cypselus apus, die Mauerschwalbe: „Am meisten fliegen die sogenannten Fusslosen, weil ihnen der Gebrauch ihrer Füsse versagt ist; Andere nennen sie auch Höhlenvögel. Sie gehören zu den Schwalben, und nisten in Felsen. [...] Die übrigen Vögel setzen und stellen sich doch, diese aber haben, ausser in dem Neste nirgends Ruhe, denn entweder fliegen sie oder sie liegen.“ (zitiert auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler)
  2. Klein und versteckt, aber nicht ohne: Siehe auch "Der einzigartige Zangenfuß" (Seite der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler)
  3. Diese und andere Fakten übrigens im wesentlichen aus dem sehr ausführlichen Wikipedia-Artikel "Mauersegler".