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Glänzendes Elend

Eine offene Kritik der Verhältnisse unseres Offizierskorps

»Nicht zum Menschen wird (…) wird der Kadett er­zo­gen, son­dern, wie schon ge­sagt, zum Offizier dres­siert. Und das Wort Offizier möch­te ich dop­pelt be­to­nen. Die gan­ze Überhebung, die in die­ser Kaste sitzt, wird dem jun­gen Bürschlein ein­ge­impft, fast täg­lich lei­ert man ihm das Ammenmärchen vom ers­ten Stand vor, die Uniform tut das Übrige und so sieht man denn in den klei­nen Schachtelsoldaten (…) den Inbegriff des mi­li­tä­ri­schen Hochmuts.«

»Du, der Lehmann ist Fähnrich ge­wor­den!« – »Sieh mal an, und sein Vater lief noch als Landgerichtsdirektor rum«. Zeichnung von Eduard Thöny, Simplicissimus (März 1903) Bild von: www​.sim​pli​cis​si​mus​.in​fo

Rudolf Krafft (1864 – 1916) hat­te es bei sei­nem Ausscheiden aus der baye­ri­schen Armee bis zum Premierleutnant ge­bracht. Seine Streitschrift »Glänzendes Elend« sah noch im Erscheinungsjahr 1895 die zehn­te Auflage. Im Vorwort schreibt er: »Nicht ein­zel­nen Personen er­klä­re ich den Krieg, son­dern dem gan­zen System.« Das tut er gründ­lich. Krafft be­ginnt mit der Karriere des jun­gen Burschen, dem in der Kadettenanstalt so­wohl all­ge­mei­ne als mi­li­tä­ri­sche Bildung vor­ent­hal­ten wird – statt­des­sen be­kommt er: »Gesellschaftlichen Schnickschnack, mi­li­tä­ri­sches Gigerltum, groß­spre­che­ri­sche Phrasen, brüs­kes Benehmen nach un­ten und Verachtung der Civilistenbande.« Als Offiziersaspirant wird der jun­ge Mann in den Raubtierkäfig der Kaserne ge­wor­fen, fin­det sich am Ende der Hierarchien und al­len mög­li­chen Schikanen und Verlockungen aus­ge­setzt. Bis end­lich die er­sehn­te Beförderung in den Offiziersstand aus­ge­spro­chen wird:
»Unser neu­ge­ba­cke­ner Lieutenant schwimmt von nun ab ei­ni­ge Tage in eit­ler Wonne. Die Damen, bei wel­chen er frü­her nur wohl­wol­lend ge­dul­det war, neh­men ihn jetzt als voll­wer­tig, er ist ein Faktor, mit dem man rech­nen kann. Gar man­che al­te Schachtel, die ih­re Zähne an er­fah­re­ne­ren Offizieren ver­geb­lich ver­such­te, hat sich noch schnell vor Thoreschluß ei­nen sol­chen jun­gen Lieutenant ge­ka­pert.«
Für den ak­ti­ven Offizier be­ginnt nun auch das Rattenrennen um die Beförderungen, denn vom Gehalt ei­nes klei­nen Offiziers ist es fast nicht mög­lich, zu über­le­ben – schon gar nicht »stan­des­ge­mäß«. Krafft rech­net am Beispiel ei­nes Sekondelieutenant vor, wie ge­ra­de­zu zwangs­läu­fig der Weg in die Ver- und Überschuldung führt. Und für was das al­les?
»Die Illusionen sind da­hin, der Dienst ist lang­wei­lig zum Sterben, man kennt ihn vor- und rück­wärts, selbst die Freude über den nach zehn­jäh­ri­ger Dienstzeit er­run­ge­nen Stern kommt nicht recht auf (…)«