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Der Fall Eulenburg

Der »Fall Eulenburg«, ei­ne Justiz- und Mediensensation der­aus­ge­hen­den Kaiserzeit, spielt im »Sandkorn« ei­ne Rolle. Heute, als ich die­sen Beitrag be­gin­ne, le­se ich auf Spiegel Online:
Ex-Nationalspieler: Thomas Hitzlsperger macht Homosexualität öf­fent­lich (Link)
Na, gro­ße Sache – aus un­se­rer mo­der­nen und auf­ge­klär­ten Sicht: Wir ha­ben schwu­le Außenminister, Fernsehköche, Bürgermeister. Flugbegleiter sind so­wie­so al­le schwul, oder? Nun al­so ein (Ex-)Fußballer. Für den far­ben­tra­gen­den FCB-Südkurvler viel­leicht ein Problem, aber sonst? Wenn’s nur die wä­ren.

Szenen aus dem Moltke-Harden-Prozess (Illustration aus dem »Simplicissimus«, von Ernst Heilemann). Quelle: sim​pli​cis​si​mus​.in​fo

Da gab es ein­mal ei­nen Günstling des Kaisers: Philipp Graf zu Eulenburg-Hertefeld war knapp 40, als er den spä­te­ren Wilhelm II. zum ers­ten Mal traf. Zwanzig Jahre währ­te die Freundschaft, dann ließ Wilhelm sei­nen »Phili« fal­len. Weil er – schwul war. Vielleicht. Wahrscheinlich so­gar. Eulenburg mach­te das nie »öf­fent­lich«, ob­wohl oder ge­ra­de weil er durch ei­ne Serie von Prozessen und ein mehr­jäh­ri­ges me­dia­les Standgericht ge­zo­gen wur­de. Eulenburg war Opfer ei­ner Medienkampagne, Opfer ei­nes Besessenen. Dieser hieß Maximilian Harden, ein Journalist und Herausgeber sei­nen ei­ge­nen Blattes, der »Zukunft«. Dieses Blatt be­nutz­te er, um Eulenburg und an­de­re zu de­mon­tie­ren. Unter zu­nächst da­hin­ge­tu­schel­tem Hinweis auf de­ren se­xu­el­le Orientierung. Weil er – an­ti­sch­wul ein­ge­stellt war? Eher nicht. Auch er hat sich nie ge­ou­tet. Aber Harden war ein Nationalist, ein Verehrer des »Eisernen Kanzlers« Bismarck, den Wilhelm 1890 ab­ser­viert hat­te. Er träum­te von deut­scher Weltgeltung: Kolonien, Panzerkreuzer auf al­len Weltmeeren, deut­sche Kultur ton­an­ge­bend. Und dann um­summ­sen den Kaiser die­se… Männerfreunde und flüs­tern ihm wo­mög­lich al­les Mögliche ein. – Aus dem Bericht über Hitzlspergers Coming Out:
Der Profisport sei ein ab­so­lut har­ter Leistungssport: »Kampf, Leidenschaft und Siegeswille sind un­trenn­bar mit­ein­an­der ver­knüpft«. Das pas­sé nicht zu dem Klischee, das sich vie­le Leute von ei­nem Homosexuellen mach­ten, näm­lich: »Schwule sind Weicheier.«
Genau das glei­che fürch­te­te Harden. Denn Politik ist ei­ne ab­so­lut har­te Angelegenheit. Das geht ein­fach nicht, dass die­se »Liebenberger Tafelrunde« (nach Eulenburgs Stammsitz) am Reichskanzler vor­bei Politik macht! Weiß man doch: Die wol­len den Streichelzoo, und nicht die ei­ser­ne Faust. Pazifisten, Franzosenfreunde. Harden han­delt. Sein Blatt »Die Zukunft« hat klei­ne Auflage, ist Intellektuellenfutter. Wenn er die Massen für sein Thema be­geis­tern will, braucht er kei­ne fein­sin­ni­gen po­li­ti­schen Analysen. Da muss er den ganz gro­ßen Hebel an­set­zen.

Hardens Kampagne

Im Visier Hardens ist auch der Berliner Stadtkommandant Kuno Graf Moltke, eben­falls ein Mann der »Tafelrunde«. Moltkes Ex-Frau Lily hat­te schon frü­her mit Harden über ih­ren in Unfrieden ge­schie­de­nen frü­he­ren Mann, des­sen Freund Eulenburg und das Unaussprechliche ge­plau­dert. Auch Bismarck hat­te ihm Vertrauliches über die bei­den be­rich­tet. Harden ist ein ge­dul­di­ger Sammler. Er war­tet. Jahrelang. Bis zum 17. November 1906, als er in der »Zukunft« erst­mals Andeutungen über Eulenburg macht. Verschlüsselt, blu­mig – aber die die’s wis­sen sol­len, ver­ste­hen es. Eulenburg geht erst ein­mal ins Exil. Kommt aber zwei Monate spä­ter zu­rück, um an der Jahresfeier der »Ritter vom Schwarzen Adler« teil­zu­neh­men. Das ver­steht Harden als Provokation. Er setzt die Angriffe ge­gen Moltke und Eulenburg fort. Aufgeschreckt durch die ein­set­zen­de Pressekampagne ent­zieht Kaiser Wilhelm den bei­den Höflingen die Gnade. Moltke will Harden du­el­lie­ren, aber der will nicht. Darauf ver­klagt Moltke, in­zwi­schen au­ßer Dienst, Harden we­gen Beleidigung. Im Oktober 1907 be­ginnt der ers­te Prozess. Für das wei­te­re: sie­he »Sandkorn«. Im Fall des Fußballspielers, über 100 Jahre spä­ter, liest man die Schlagzeile:
Bundesregierung lobt Coming-Out von Thomas Hitzlsperger (Link).
Kanzlerin Merkel lässt das ih­ren Sprecher sa­gen: aber im­mer­hin. So än­dern sich die Zeiten…