Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist. (Gustav Meyrink)

Geschenkt

Zur Sprachvergessenheit der deutschen Literaturkritik

Seit­dem ich Lite­ra­tur­kri­ti­ken lese, wun­de­re ich mich, wie wenig, wie ober­fläch­lich von Spra­che die Rede ist.
Des­we­gen, aus aktu­ell-chro­ni­schem Anlass, eine Anmer­kung.

Geschenkt?

Kürz­lich in der Lite­ra­tur­bei­la­ge einer gro­ßen deut­schen Zei­tung gele­sen:

»Dass [Name des Schrift­stel­lers] Stil gele­gent­lich Holp­rig­keit mit Dri­ve ver­wech­selt (…): geschenkt.«

Wie groß­zü­gig.

Ob der Rezen­sent, wenn er fein essen geht, schrei­ben wür­de: »Dass der Stil des Küchen­chefs gele­gent­lich Ver­koh­len mit scharf Anbra­ten ver­wech­selt, al den­te mit brei­weich, pikant gewürzt mit ver­sal­zen: geschenkt«?

Wenn solch Ver­zicht in der Kul­tur­kri­tik um sich greift, kön­nen wir dem­nächst wohl mit der Reha­bi­li­ta­ti­on eines jun­gen Malers rech­nen, der in Wien und Mün­chen vor dem Ers­ten Welt­krieg bie­der-schie­fe (um nicht zu sagen: holp­ri­ge) Aqua­rell­post­kar­ten an den Mann zu brin­gen ver­such­te. Kor­rek­te Per­spek­ti­ve? Geschenkt!

Das ist die Pas­sa­ge, die der Rezen­sent dem Schrift­stel­ler gön­ner­haft durch­ge­hen lässt:

»Robert saß hin­ten im Wagen. Da er, wie Kudow­ski mit einem Lächeln bemerkt hat­te, der Schma­le­re von ihnen bei­den war. Kudow­ski selbst saß vor­ne. Neben Anni­na. Die den Suzu­ki steu­er­te.«

Fin­de ich auch nicht groß­ar­tig (»Kudow­ski selbst saß vorn« – schon­mal unselbst vorn geses­sen?).

Das eigent­li­che Skan­da­lon ist das her­ab­las­sen­de »geschenkt«. Es scheint mir aus­zu­drü­cken: Kommt doch eh nicht dar­auf an, wie einer sagt, was er sagen will: geschenkt. Doch ent­we­der ist die­ses Zitat aus dem Text für den argu­men­ta­ti­ven Gang der Rezen­si­on von Bedeu­tung oder nicht. Wenn nicht, war­um steht es da? Wenn doch, war­um ein­zig die­ses ver­ächt­li­che »geschenkt«, und kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ein­zel­hei­ten?
Bloß ein rhe­to­ri­scher Kniff, damit der Rezen­sent wei­te­rei­len kann zu dem, was er für das eigent­li­che Pro­blem des Tex­tes hält? Mög­li­cher­wei­se. Ein biss­chen bil­lig, falls.

Eindeutig?

Sel­be Bei­la­ge, noch eine Fund­stel­le.

»Auf die Fra­ge ›War­um erfin­det man Geschich­ten?‹ gibt er [der Prot­ago­nist des Romans] die ein­deu­ti­ge Ant­wort: ›Um kei­ne Gei­sel der Zeit mehr zu sein.‹ «

Sät­ze wie den letz­ten nen­ne ich Corn­fla­ke-Sät­ze. Die müs­sen schnell run­ter, damit sie noch bedeu­tungs­voll knus­pern. Behält man sie zwecks genaue­rer Geschmacks­prü­fung ein paar Momen­te auf der Zun­ge, wer­den sie weich und pam­pig.

Auch die­ser ist kei­nes­wegs ein­deu­tig, wie Rezen­sen­tin meint: Das Kol­lek­tiv-Indi­vi­du­um (»man«) gegen das mit einer Inten­ti­on aus­ge­stat­te­te ganz gro­ße Abs­trak­tum (»Zeit«)! Das sind schwe­re Wor­te, sowas ist immer deli­kat, eher die Domä­ne der Dich­ter.[0]

Mal näher betrach­tet: Der Geschich­ten­er­zäh­ler als Gei­sel der Zeit. Gegen wen oder was will »die Zeit« die­se ihre Gei­sel aus­tau­schen? Bei wem? Was hät­te sie denn von dem Deal? In den vie­len Jahr­tau­sen­den des Geschich­ten­er­zäh­lens dürf­te sie bereits eine Men­ge Gei­seln ange­sam­melt haben, die es immer noch nicht ins Zeit­lo­se geschafft haben. (Viel­leicht erhof­fen man­che der Gei­seln einen Frei­kauf durch einen Ver­le­ger.)
Es ist doch eher der Erzäh­ler, der sich da mit einer Geschich­te frei­kauft. Aus­ge­rech­net mit einem in die Zeit gebet­te­ten, echt sequen­ti­el­len Anfang-Mit­te-Ende-Pfand?

Vom meta­pho­ri­schen Heiß­dampf ent­lüf­tet, schrumpft mir der Satz auf eine For­mu­lie­rung wie: »Um (wenigs­tens eine zeit­lang) kein Gefan­ge­ner der Lan­ge­wei­le zu sein«.[1]

Also um kei­ne Gei­sel der Zeit mehr zu sein, erzählt man Geschich­ten. Ich bin nicht über­zeugt, ich kau­fe die­sen Satz nicht: deut­lich über­preist. Wer hät­te das mer­ken kön­nen? Der Autor, bei einer Über­ar­bei­tung sei­nes Tex­tes. Wenn nicht er, dann sein/e Lektor/in. Wenn die nicht, die Rezen­sen­tin. Wenn – die Fein­hei­ten der Spra­che etwas bedeu­te­ten. Aber, sie­he oben: geschenkt. Es gilt nicht das geschrie­be­ne Wort, son­dern das, äh, Gemein­te, ganz »ein­deu­tig« – und über die­ses Wort bin ich hier gestol­pert.

Viel­leicht bin ich klein­lich. Viel­leicht pro­bier­te jener Autor eine gan­ze Nacht lang, ob es hei­ßen muss: Kudow­ski saß vor­ne. Oder: Kudow­ski selbst saß vor­ne. Ich fin­de, es kommt auf jedes Wort an, jedes das drin ist, jedes das raus gehört.

Wo jedes Wort zählt

Mit­te 2011 erschien ein Essay­band des bri­ti­schen Lite­ra­tur­kri­ti­kers James Wood in deut­scher Über­set­zung – mit dem Titel, irgend­wie typisch, »Die Kunst des Erzäh­lens«, brav abge­nu­delt und mei­len­weit ent­fernt vom Ori­gi­nal­ti­tel »How Fic­tion Works«. Denn genau das ver­sucht Wood zu erklä­ren, näm­lich wie fik­tio­na­les Erzäh­len im Roman funk­tio­niert. Auf durch­aus mecha­nis­ti­sche Wei­se arbei­tet er sich an den Klei­nig­kei­ten ab, der Aus­wahl von Detail, der Figu­ren­zeich­nung, der Per­spek­ti­ve, …

Er tut das auch seit eini­gen Jah­ren in sei­nen Rezen­sio­nen für das Maga­zin »The New Yor­ker«, und zwar in einer Art von rever­se engi­nee­ring: Zer­le­gen, um zu ver­ste­hen. Er lässt sich ein auf die Spra­che der Autoren, er zitiert gan­ze und lan­ge Absät­ze aus ihren Büchern, er dreht und wen­det, brü­tet über ein­zel­nen Wor­ten – um zu zei­gen und zu bele­gen.[2] Aber sicher nicht, um am Ende anzu­mer­ken: geschenkt. Auch die Anma­ßung eines »ein­deu­tig« wird man nicht bei ihm fin­den.

Ich fin­de nicht, dass Wood immer Recht hät­te; wie auch. Aber er bemüht sich a) um die Autoren und ihre Spra­che und b) um – sowas gibt’s – um sei­ne (näm­lich Woods) Leser/innen.

Die deut­sche Lite­ra­tur­kri­tik begrüß­te das Buch des »berühm­tes­ten Lite­ra­tur­kri­ti­kers der Welt« (Die Zeit) übri­gens freund­lich bis begeis­tert. Von ihm ler­nen will offen­bar kei­ner. Das ist scha­de, denn damit ent­geht uns allen, die wir Lite­ra­tur mögen, etwas.

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Nach­trag. Bei­spiel einer rühm­li­chen Aus­nah­me: Hier zer­legt der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Peter Dier­lich einen Roman von Mar­tin Mose­bach in sei­ne papier­nen Ein­zel­tei­le.

Ande­rer Arti­kel aus der Kate­go­rie Lite­ra­tur­be­triebs­tem­pe­ra­tur: Gegen­warts­li­te­ra­tur – was ist das denn?

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Anmer­kun­gen    (↵ returns to text)
  1. Es gibt ein sehr pro­ba­tes Mittel/die Zeit zu hal­ten am Schlawittel/Man nimmt die Taschen­uhr zur Hand/und folgt dem Zei­ger unver­wandt (…) – Chris­ti­an Mor­gen­stern, ganz unpa­the­tisch).
  2. Der gan­ze  Kon­text ist natür­lich inspi­riert von »1001 Nacht«: Die arme Sche­he­za­ra­de brauch­te bekannt­lich einen Hau­fen Geschich­ten mit zeit­lich exakt plat­zier­ten Cliff­han­gern (drei Kin­der muss­te sie außer­dem gebä­ren), um sich aus die­ser wahr­haf­ti­gen Gei­sel­haft zu befrei­en. Ach was, »befrei­en«: Es ende­te stock­holm­syn­drom­haft mit der Ehe­li­chung des Gei­sel­neh­mers.
  3. Ein Bei­spiel aus der Pan­ora­ma-Rezen­si­on zu Hil­ary Man­tels his­to­ri­schen Crom­well-Roma­nen (The New Yor­ker, 7. Mai 2012). Zunächst das Zitat aus dem Roman, dann was Wood dazu zu sagen hat.

    »This sea­son young men car­ry their effec­ts in soft pale lea­ther bags, in imi­ta­ti­on of the agents for the Fug­ger bank, who tra­vel all over Euro­pe and set the fashion. The bags are heart-shaped and so to him it always looks as if they are going woo­ing, but they swe­ar they are not. Nephew Richard Crom­well sits down and gives the bags a sar­do­nic glance.«
    Do you know if Man­tel has manu­fac­tu­red or bor­ro­wed from the record this infor­ma­ti­on about the fashion­ab­le Fug­ger bag? In some sen­se, it doesn’t mat­ter, becau­se the wri­ter has made a third cate­go­ry of the rea­li­ty, the plau­si­b­ly hypo­the­ti­cal. It’s what Aris­tot­le clai­med was the dif­fe­rence bet­ween the his­to­ri­an and the poet: the for­mer descri­bes what hap­pen­ed, and the lat­ter what might hap­pen.


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