Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist. (Gustav Meyrink)

Schopenhauer-Irrtümer, Teil II

Frauenhasser Schopenhauer?

Neben dem »Pes­si­mis­ten« die Num­mer 2 auf der Hit­lis­te der Eti­ket­ten, die ihm auf­ge­klebt wer­den.

Fakt ist, dass er sein Leben lang Sin­gle blieb und dass er ein schwie­ri­ges Ver­hält­nis zu sei­ner Mut­ter hat­te (solan­ge es über­haupt bestand). Und dass er als alter Mann einen, naja, ziem­lich gehäs­si­gen Auf­satz »Über die Wei­ber« ver­fass­te. So, wie er halt geschrie­ben hat: iro­nisch, mit sar­kas­ti­scher Schär­fe und heu­te unhalt­ba­rer »Wis­sen­schaft­lich­keit«, mit ent­schie­de­nen Zuspit­zun­gen: Irr­tum aus­ge­schlos­sen. Aber wenn man das rhe­to­ri­sche Bim­bam weg­nimmt, blei­ben übrig die ganz und gar unspek­ta­ku­lä­ren Ansich­ten eines Man­nes des 19. Jahr­hun­dert (der noch dazu im 18. Jahr­hun­dert gebo­ren wur­de) zum The­ma Frau und Mann. Damit war er sicher nicht allei­ne.

Arthurs Mut­ter Johan­na war deut­lich moder­ner. Sie hat sich in Wei­mar alle Frei­hei­ten genom­men, die sie errei­chen konn­te. Sich einen nase­wei­sen und halb­star­ken Sohn ans Bein zu bin­den, gehör­te nicht dazu. Es sei zwar zu ihrem Glück not­wen­dig zu wis­sen, dass er glück­lich sei, schrieb sie ihm ein­mal, aber Augen­zeu­gin des­sen müs­se sie nicht sein.
Mut­ter und Sohn haben ein­an­der eini­ge (auch wohl­kal­ku­lier­te) Krän­kun­gen zuge­fügt. Die gän­gi­ge Fern­in­ter­pre­ta­ti­ons­psy­cho­lo­gie sieht in die­ser ver­korks­ten Bezie­hung den Kern von Scho­pen­hau­ers »Frau­en­hass«: Mut­ter ist die Best(i)e.

Das Gan­ze ist ver­mut­lich mehr eine Geschich­te von Ent­täu­schun­gen als von Hass – mei­ne Mei­nung. Auch ein genia­ler, in vie­len Din­gen revo­lu­tio­nä­rer Phi­lo­soph ist in ande­ren Din­gen eben ein Kind sei­ner Zeit, und immer ein Kind sei­ner Eltern.

Mit 30, also zum Zeit­punkt sei­ner ers­ten Ita­li­en­rei­se, war Arthur Scho­pen­hau­er sicher kein »Frau­en­has­ser«.


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