Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist. (Gustav Meyrink)

Schopenhauer-Irrtümer, Teil I

Schopenhauer war Pessimist. War er?

Nein.

Jeden­falls nicht im heu­ti­gen Sinn des Wor­tes. In unse­rem Sprach­ge­brauch ist ein Pes­si­mist einer, der glaubt, dass alles schief­läuft, nichts gut aus­geht, der sich nichts traut, weil er meint, dass ihm nichts glückt. Einer der sagt: Kann ja nichts wer­den, und sich freut, wenn nichts wird. Der mit sei­ner schlech­ten Lau­ne dau­ernd alle ande­ren run­ter­zieht. Der Typ, mit dem man nicht auf der ein­sa­men Insel lan­den möch­te. Aber da gibt es eine ganz lan­ge Lis­te von Men­schen, die mich frü­her als Scho­pen­hau­er zu den Hai­fi­schen trei­ben wür­den…

Ja.

Näm­lich ein phi­lo­so­phi­scher Pes­si­mist, der Gegen­spie­ler des phi­lo­so­phi­schen Opti­mis­ten. So einer glaubt, dass die Welt schon gut ein­ge­rich­tet ist (Leib­niz sprach sogar von der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten), und dass allem Tum­meln, Tun und Trei­ben in der Welt doch ein Sinn inne­wohnt, und dass alles letzt­lich auf ein gutes Ende hin­läuft. Das war zu Leb­zei­ten Scho­pen­hau­ers die vor­herr­schen­de Rich­tung.

Aber Scho­pen­hau­er hat immer ver­sucht, die Welt so zu sehen wie sie ist, und nicht so, wie sie (nach wes­sen Ansicht auch immer) sein soll­te, könn­te, müss­te.

»(…)  und wenn man den ver­stock­tes­ten Opti­mis­ten durch die Kran­ken­hos­pi­tä­ler, Laza­re­the und chir­ur­gi­sche Mar­ter­kam­mern, durch die Gefäng­nis­se, Fol­ter­kam­mern und Skla­ven­stäl­le, über Schlacht­fel­der und Richt­stät­ten füh­ren, dann alle die fins­ters­ten Behau­sun­gen des Elends, wo es sich vor den Bli­cken kal­ter Neu­gier ver­kriecht, ihm öff­net und zum Schluß ihn in den Hun­ger­thurm des Ugo­li­no bli­cken las­sen woll­te; so wür­de sicher­lich auch er zuletzt ein­se­hen, wel­cher Art die­ser meilleur des mon­des pos­si­bles [bes­te aller mög­li­chen Wel­ten] ist.«

Die­ses Grau­sen vor dem Grau­en in der Welt zieht sich durch Scho­pen­hau­ers Werk, nie­mals schön­ge­re­det und flach­ar­gu­men­tiert. Und weil für ihn Bes­se­rung weder am Hori­zont, noch am Him­mel, noch im Jen­seits, schon gar nicht in der Mensch­heit zu sehen war, ist Scho­pen­hau­er ein phi­lo­so­phi­scher Pes­si­mist.


Kommentare geschlossen.